So schön…
15. September 2011
… das Licht momentan. Ich liebe den Spätsommer, es ist meine allerliebste Jahreszeit. Das warme, ruhige Licht. So schön. Unglaublich. Das gibt es nur Jetzt. Im Frühling ist es schon auch schön, aber irgendwie anders, aufgeregter, nicht so wie Jetzt. Die Farben. So intensiv.
So etwas Schönes gibt es nur hier. Schau mal die Berge, die weissen Gipfel, der dunkelblaue Himmel, das satte Grün der Wälder, wahnsinnig, gell?! So ein Privileg, hier zu leben, Schweizer zu sein und sagen zu können: Meins. Hier und ich. Wunderbar. In solchen Momenten tun mir die Ausländer ein wenig leid. Sie stehen als dankbare Mieter im eindrücklichen Gesamtkunstwerk – ich als stolzer Eigentümer. Das ist schon ein spürbarer Unterschied, da zeigt sich, wem das Land gehört.
Meine hohen Gipfel, meine starken Bäume, mein enger Horizont.
Der Herr schnarcht
11. Februar 2011
und er schnarcht manchmal so laut, dass er nicht mehr im Liegewagen mit dem Zug fahren möchte, denn die Mitschläfer wirkten morgens sehr unausgeschlafen. Doch was stört er sich eigentlich an den Gesichtern der Mitschläfer? Er bedauert sie, wie er auch, hätte er sie denn, Nachbarn bedauern würde, die seine Musik mit anhören müssten. Der Genuss von Geräuschen scheint nicht so viel Freiwilliges zu haben wie das Betrachten eines Bildes. und vielleicht mindert gerade dieser Mangel an Freiwilligkeit den Hörgenuss, zumindest den Hörgenuss des Herrn. In Ländern mit wohlklingender Sprache wie Portugal oder auch an manchen Orten Italiens kann er die Reden der Leute als Musik empfinden und diese Musik genießen. Keine Sekunde hat er das Bedürfnis diese Musik verstehen zu wollen, im Gegenteil, ein Verständnis hinderte ihm am Genuss.
Glück – Pech – Glück – Pech
4. Januar 2011
Glück besteht in der Kunst, sich nicht zu ärgern, dass der Rosenstrauch Dornen trägt, sondern sich zu freuen, dass der Dornenbusch Rosen trägt.
(Arabisches Sprichwort)
Jaja. Bestimmt. Wird schon so sein. Vielleicht nicht für alle gleich einfach zu meistern.
Glück bedeutet nicht, das zu kriegen, was wir wollen, sondern das zu wollen, was wir kriegen.
(Unbekannt)
Und wo liegt hier bitte der Unterschied? Ich will etwas und kriege es. Ich kriege etwas und will es. Mathematisch gleichbedeutend. In sich, auf der Zeitschiene betrachtet, ändern sich die Dinge. Das eine Wollen wird kriegerisch, das andere demütig. Von mir aus.
Eigentlich ein komisches Wort. “Glück”. Glück. Glück. Wenn man das so eine gewisse Zeit lang wie als Mini-Mantra vor sich hin denkt, redet oder liest verliert es nicht nur an Bedeutung, es wird fast lächerlich. Glück. Glükk. Ück. Ükkück. Haha. Hühü.
Fragen wir den Weihnachtsbaum:
Zuerst hatte er Glück. Wuchs in einer gepflegten Baumschule auf, nicht besonders wild, dafür behütet. Jahr um Jahr ahnte er, wie viel Glück er hatte, wenn er Weihnachten draussen, mit seiner immer kleiner werdenden Familie, erleben durfte. Denn kaum wurde es Winter, holten sie seine älteren Geschwister. Dieses Jahr hatte er Pech.
Der Weihnachtsmarkt war nicht romantisch, immerhin hatten sie ihm noch kein Netz verpasst – er stand auf wackeligem Stumpf, langsam ausblutend, in einen Stahlständer geschlagen, auf dem Pflastersteinbelag vor dem Rathaus, hatte etwas Umschwung und fror. Von Aussen war er schön anzusehen. Regelmässig, dicht und kräftig, schöner Doppelspitz, amputierte Wurzel. Er kam rasch weg und hatte Glück.
Drinnen, an der Wärme, wo es nach Zimt roch, wurde er geschmückt, behängt und bewundert. Man beachtete ihn, achtete ihn, liebte ihn. Es ging ihm gut. Im Vergleich zum Truthahn sowieso. Eigentlich wollten sie ihn bis zum 6. Januar stehen lassen. Dort in “seiner” Ecke. Doch bereits an Sylvester wurde über ihn geschnödet und am nächsten Morgen kam er dran. Innert Rekordzeit abgeräumt, aus dem Ständer gezogen und aus dem Fenster geworfen. Pech.
Jetzt liegt er da, seit drei Tagen, man geht an ihm vorbei, nicht achtlos – doch tun kann man ja nichts mehr.
Ein Elch isst pro Tag zwei Tannenbäume. Aber nur die, welche nicht geschmückt wurden, also die Unverkauften. Wegen Lametta und Wachs und so.
Glück gehabt. Wer weiss.

