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Sommerabend am See

Tuerlersee045

Kurz nach Sonnenuntergang, nachdem die meisten Naturliebhaber den Heimweg angetreten haben, fahre ich guten Mutes mit dem flotten Velo meines Vaters zu meiner Lieblingsstelle am Türlersee, um vor der Nachtruhe noch eine Runde zu schwimmen. Perfekt – mein Plätzchen (3×1 Meter) ist frei, ich stelle mein Fahrrad hin und streife das T-Shirt ab. Die Badehose trage ich schon. Man denkt ja vor und nutzt diesen traumhaften Sommerabend möglichst effizient. Luft 26°, Wasser ebenso. Spoiled. Ich schwimme so 200 Meter gegen die Mitte des Sees. Eine Ruhe. Noch ein wenig Rückenlage und mit Blick zum leicht bewölkten Himmel mit den rosa Figuren das Glück spüren. Und wieder zurück. Easy. Kein Mensch. Das Badetuch habe ich vorsorglich (man denkt ja vor…) über der Querstange des Fahrrads bereit gelegt. Ich trockne mich ab und ziehe mich für die Heimfahrt um. Das heisst: Ich „möchte“ mich für die Heimfahrt umziehen.

Schon von Weitem höre ich ihre unsympathische, weil leicht hysterische, Stimme. Er, dürr und mittleren Alters, ist rund 30 Meter vor ihr an mir vorbei gegangen.

Sie: „Mathieu! Weshalb gehst du vorbei?“

Er: „Was?“

Sie: „Wir waren immer hier!“

Er: „Ah ja? Nein.“

Sie: „Doch, natürlich! Hier!“

Doch „hier“ stehe zur Zeit eben ich. Mit einem Fuß im warmen Schlamm wo es Spuren von Hunden, Menschen und Filp-Flops hat, mit dem andern etwa 40 cm erhöht, also unbequem, am steinigen Ufer. Das Badetuch locker um die Hüfte geschwungen und recht lächerlich wirkend, weil versuchend, mit spastischen Bewegungen die nasse Shorts von den dreckigen Füßen zu schütteln. Ein ungeeigneter Moment um so einen auf nette Vorstellungsrunde und: „Klar, kommt nur, es hat Platz, der See gehört allen!“, dabei meinend: „Shit, haut bloss ab, das ist zur Zeit mein Strändchen, hier schwimme ich.“ zu machen.

Sie gehen weiter. Universum sei Dank.

Nachdem ich zweimal draufgestanden bin grabe ich meine Badehose aus der lehmigen Pfütze, mache trotz allen Umständen ein freundlichem Gesicht und dann ein Selfie für meine Frau, bzw. für mich.

See

Sie kommen zurück. Verdammt. In der einen Hand das Handy und in der andern das schmutzig triefende Stück Wäsche versuche ich, sie zu ignorieren. Meine Unterhose liegt auf der andern Seite des Fahrrads auf dem feuchten Waldboden. Ich will nicht reden.

Sie: „Wir können ja die Sachen hier (Anmerkung: Rund 10 Meter entfernt, vermutlich der genetische Sicherheitsabstand) deponieren.“

Deponieren – super Wort. Wie im Militär. „Deponiert das Gepäck und die Waffen auf einer Linie! Marsch!“ Unschöne Bilder. Sie macht es vor, Mathieu folgt. Sie „deponieren“ ihre Habseligkeiten gut getarnt hinter einem Baum, denn man weiss ja nie… Ich überlege mir, ob ich vertrauenswürdig aussehe. Oder eher wie jemand, der Vollkornriegel und lauwarmes Rivella blau klaut? Was soll’s.

Sie kommt verkrampft lächelnd auf mich zu. Das Badekleid aus den Eighties, vermutlich vom Ackermann-Versand.

Sie: „Sind Sie fertig?“

Fertig? Fertig?! Wenn die wüsste, wie fertig ich wirklich bin.

Ich: „Ja, schön war’s. Sehr angenehm.“

Sie: „Ja, nicht wahr?“

Ich: „Doch, war.“

Sie lächelt schon wieder so blöd (als hätte sie einen Backenkrampf) und geht mit angewinkelten Armen zaghaft ins Wasser.

Sie: „Ha, so schön, so warm, da braucht man sich nicht mal zu benetzen!“

Hrrrgggghhhh…bitte…!  Sie schwimmt endlich von dannen und verschwindet hinter dem Schilfgürtel. Durch den Fahrrad-Rahmen fische ich die Unterwäsche vom Boden und ziehe sie rasch an – fast ohne noch mit den Dreckfüssen alle Rändern zu berühren.

Mathieu kommt heran gewackelt. Im Gegensatz zu seinem Gesicht war ihres wie das eines entspannten Engels. Mathieu leidet extrem. Seine feuchten Füsse kennen das Leben bestimmt seit mehr 30 Jahren nur in gut eingetragenen Baumwollsocken und Schuhen, die dank praktischen Gummisohlen schön schützen und abfedern.

Er ächzt: „Allo!“

Ich: „Hallo.“

Fertig Dialog. Passt schon. Er stirbt ja fast, der Arme. Du meine Güte – was findet eine Frau an einem solchen Typen? Sieht ja nicht mal nach sozialer Absicherung aus, der Hungerhaken. Hoffentlich kriegen die nie Kinder. Haben die überhaupt Sex? Unschöne Vorstellung.

Er hat die Tortour überstanden und schwimmt auf sie zu. Er sieht aus wie ein Stück Treibholz.

Sie: „Mathieu! Sooo herrlich! Und so ruhig! Ich möchte im Sommer einmal nach Schweden.“

Er: „Warum?“

Sie: „Hmm – einfach so.“

Ich glaube, Mathieu versteht gar kein Deutsch. Oder die Frau nicht. Oder überhaupt nichts.

Ich jammere nicht. Ich radle dankbar nach Hause. Befreit und bereichert.

 

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Nachtrag schlimmer Worte

Zwischen zwei und drei Mal pro Minute hören wir das f-Wort  und so häufig kommt das schlimme f-Wort in US Filmen vor:

The Wolf of Wall Street    569 Mal

Summer of Sam                  435 Mal

Another Day in Paradiese 291 Mal

State of Grace                      230 Mal

The Big Lebowski               206 Mal

Um den Spaß noch weiter zu verderben, das f-Wort wird nicht zum Lustgewinn, sondern als Fluch gebraucht. Es darf gesagt werden, so lange keine lustvolle Anspielung auf die f-Aktion gemacht wird. Aggression und Abwertung, Herabsetzung und verbale Unterwerfung sind leider hoffähig. Sexscenen finden in den gleichen Filmen mit Bikini und Hosen statt, vielleicht weil die Schauspielenden weder S-haare noch G-teile haben.

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Schlimme Wörter

Schlimme Wörter lauern überall. Man will oft gar nicht und hört doch, vielleicht auf der Straße, oder in einem Cafe, im Bus, in der u-Bahn, im Zug, im Büro, auf der Arbeit, in der Schule, in einer Bank in der Warteschlange, beim Einkaufen oder sonstwo ein schlimmes Wort. Da man das gar nicht hören wollte und es doch gehört wurde, bleibt es auch im Ohr und will nicht vergessen werden. Manche Menschen werden durch solche Worte, die unerhört von anderen Menschen ausgesprochen wurden und nicht gehört werden wollten, dann doch im Gedächtnis bleiben, krank. Es gibt aber Hilfe. In den USA, wo solche Krankheiten sehr häufig auftraten, weil es dort sehr viele schlimme Wörter gibt, die im Katalog für political corectnes aufgelistet sind, werden landesweite Desensibilisierungsprogramme angeboten. Nicht von Ärzten oder Psychiatern, sondern von den Medien. Das Wort “fu…” gilt in den USA zum Beispiel als ein schlimmes Wort. Weil die Gefahr bestand, dass viele Menschen an diesem Wort erkranken können, wurde die landesweite Desensibilisierung durch Filme beschlossen. Amerikanische Filme der letzten Jahre sollen möglichst in jedem Satz, mindestens aber in jedem zweiten Satz einmal das “f…” Wort enthalten. Sollten mehrere Sätze von Frauen oder Kindern gesprochen worden sein und in diesen Sätzen das “f…” Wort nur wenig verwendet, dann kann eine männliche Stimme danach das Wort gleich 4 bis 7 Mal hintereinander sagen, oder besser raus schreien.

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Der Herr findet eine Freiheit mehr,

er findet nicht die Freiheit. Hatte die Freiheit auch nicht mehr gesucht, als er erkannte, dass er sich mit der Suche nach der Freiheit in ein Gefängnis eingeschlossen hatte. Die eine, richtige, wirkliche Freiheit suchen und finden wollen, das war eine Reduktion der Möglichkeiten zum, als Ideal phantasierten, einen Punkt. Der Herr wunderte sich darüber, dass er so viele Jahre das Spiel mit Einzahl und Mehrzahl nicht gesehen oder gehört hatte. Die Freiheit, also diese eine Freiheit, die richtige Freiheit war ein unerreichbares Konstrukt, in sich so widersprüchlich, weil diese eine Freiheit eine, die Richtigkeit definierende Autorität voraussetzte, der doch an Freiheit nicht gelegen sein konnte, sondern an Hierarchie zur Erhaltung der Autorität. Der Herr fühlte sich erleichtert, als er anstatt an die Freiheit, die Möglichkeit, die Wirkung, die Welt, die Logik, vielmehr Freiheiten, Möglichkeiten, Wirkungen, Welten, Logiken dachte.

Soweit der Beitrag des Herrn, jetzt folgen noch circa 750 Wörter für die Suchmaschinen. Viele Suchmaschinen bevorzugen Texte, die über tausend Wörter beinhalten. Der Herr liefert diese Wörter, denn er hat bei früheren Wörterlieferungen schon erfahren, dass sich interessante Aussichten auftun, wenn anfangs etwas knapp gehaltene Thesen weiter ausformuliert werden. Die Freiheit, in ihrer Einzahl gesucht, kann nicht gefunden, nur phantasiert werden. Vielleicht kann jede Einzahl nur phantasiert werden. Ein Punkt an einem nicht näher bestimmten Ort ruft sofort sein Gegenteil, die Linie auf, oder verschwindet, negiert sich in seinem Gegenteil. Als ein Punkt kann er nicht bleiben, bildet immer Differenzen zu irgend etwas anderem. So auch die Freiheit, auch sie kann nicht allein für sich bleiben, ruft ihre Gegenteile in Mehrzahlen auf, wird zu vielen Freiheiten oder eingeschlossen, gefangen in anderen Negationen.
Jaques Derrida hatte einst danach gefragt, was vor der Frage sei. Bevor der Herr seine Frage nach der Freiheit stellen konnte, hatte er sich mit einigen Gegenteilen der Freiheit bekannt gemacht. Diese haben ihm vielleicht nicht sehr gefallen und er fragte nach der Freiheit. Da noch unwissend darüber, wie sehr er sich Picture 101mit der Frage nach einer Freiheit, nach der (richtigen) Freiheit wieder in deren Gegenteile begibt. Unfreiheit wollte er gerade hinter sich lassen und schon grinst sie ihm wieder direkt ins Gesicht. Er kann damit umgehen, indem er nach Freiheiten in der Mehrzahl fragt. Erleichtert erkannte der Herr dann auch, dass er viele Freiheiten genießen konnte und schätzte sich glücklich. Kaum war er seinen Fokus auf die richtige Freiheit los, hatte er Freiheiten gewonnen, sich anderweitig frei zu denken. Aus dem Diktat der Richtigkeit hatte er sich gleich mit befreit. Wer hätte wohl diese richtige Freiheit für den Herrn definiert? Nicht eine Person allein. Viele Personen hätten sich gemeldet und den Herrn mit richtigen Definitionen des Wortes Freiheit versorgen wollen. So wäre auch da die eine, die eine richtige Freiheit bereits unmöglich geworden. Mit Gewalt hätte der Starke vielleicht seine Definition der Freiheit, nämlich der Freiheit des Stärkeren so lange durchsetzen können, bis ein noch stärkerer mit einer anderen Definition genau das verhindert hätte. Wendet nun dieser Stärkste aller Definierer des Wortes Freiheit seine Definition auch auf sich selbst an?

Wohl kaum, denn er endet sonst wie der Ringer in der Monty Python Show, der alle anderen Ringer besiegt hatte und nun gegen sich selbst kämpft. Führt also die Sehnsucht nach der einen, richtigen Definition zunächst zur Unterdrückung durch Stärkere, dann zu deren Selbstvernichtung? Und bekommen wir das nur nicht mit, weil bislang immer noch ein Stärkerer im Ring erschienen war, der seine Definition durchzukämpfen verstand? Die Idee des Wettbewerbs lebt davon, immer neue Siege zu feiern, dabei kann daran nichts Neues sein. Damit aber der Wiederholungscharakter dieser Wettbewerbsveranstaltungen nicht so auffällt, werden sie jeweils mit “Neuigkeiten” garniert und als “das Beste” serviert. Das Beste kann es nicht geben, denn es behauptet Eines zu sein und lebt doch nur aus der Abgrenzung zu den Zweit-, Dritt-, Viertbesten. Das Beste kann sich auch nicht selbst feiern, braucht die Perspektiven des Schlechteren. Die Medien bieten uns dieses Spektakel täglich als “das Neuste” an und der Herr erspart den Leserinnen und Lesern, die bis hierher mit gewörtert haben, auch noch “das Neuste” in seiner Abhängigkeit zum Älteren und in seinem Sterben, seinem zitternden Erwarten des kommenden “Allerneusten” zu beschreiben.

Statt: “Das Spiel mit der Mehrzahl” nun also Spiele mit Mehrzahlen. Der Herr wollte jedoch nicht mehr zahlen. Noch mehr Zahlen verwirrten ihn und er dachte, das sei ein Grund gewesen, dass er sich für die Einzahl entschieden hatte. Einzahlen auf sein Konto der schleichenden Verdummung, das er stark und kampfbereit zu verteidigen bereit war. Das Konto der schleichenden Verdummung war dem Herrn zuwider geworden. Je dümmer es wurde, desto lauter und eindimensionaler gebärdete es sich. Es wollte allen Welten seine Einzigartigkeit in seiner realen Existenz zeigen. Nur der Fakt, dass es da war, sollte noch gelten. Laut, fordernd und drohend machte das Konto der schleichenden Verdummung auf sich aufmerksam und verlangte, der Herr solle noch mehr darauf einzahlen. So war das Konto prall, dick und fett geworden, breiter auch und nahm immer mehr Platz ein, wollte sich noch mehr ausbreiten um seine Existenz jede Sekunde bewiesen zu sehen. Immer mehr, immer schnellere Einzahlungen wollte das Konto, wollte erst tägliche, dann stündliche, dann dauernde Bestätigung.

Paradoxer Weise gewann es mit seinem Wachstum nicht an Sicherheit, wurde im Gegenteil immer unsicherer darin, ob es auch noch das stärkste, größte und meist beachtete Konto der schleichenden Verdummung war. Wollte seine Einzigartigkeit jede Sekunde von den nicht Einzigartigen bestätigt sehen. Und zweifelte mit den häufiger werdenden Bestätigungen, die doch nur von anderen, von nicht Einzigartigen erfolgen konnten, immer mehr an der Aufrichtigkeit dieser Bestätigungen. Es fühlte
siPicture 115ch bestätigt, aber noch mehr betrogen. Es gab ja keine richtige Bestätigung, konnte keine geben, denn die hätte von einer anderen Einzigartigkeit kommen müssen. Das aber wäre das Ende der Einzigartigkeit des Kontos der schleichenden Verdummung gewesen. Eine andere Einzigartigkeit sollte es nie und nimmer geben. Dann lieber leiden und sich mit dem schweren Los dauernder Benachteiligung abfinden. Es liegt  im Schicksal des Einzigartigen, von allen anderen betrogen zu werden. Deshalb war  das Konto der schleichenden Verdummung auch immer auf der Hut, sehr wachsam, rüstete sich und schützte sich vor den Betrugsversuchen, die überall lauerten. Manchmal war es erschöpft, schlief auch schlecht, weil es meinte, vielleicht einen Betrugsversuch, oder, noch viel schlimmer, das Heranwachsen eines anderen Einzigartigen übersehen zu haben.
Franz Stowasser, 2015

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Der Herr vermarktet sich

von Franz Stowasser am 26. April 2015

Das macht ja sonst niemand für ihn. Also trägt sich der Herr selbst zu Markte und schreibt lange Texte für die Google Suchmaschine. Er hat gelesen, daß die Suchmaschine Texte von über 1000 Wörtern liebt. Der Crawler möchte viel lesen. Versteht nichts, vor allem keine Worte, will aber viele Wörter in vielen Zeilen auszählen. Früher hatte sich der Herr geweigert, einfach Zeilen zu produzieren und deshalb schon in der Schule oft schlechte Aufsatznoten bekommen. Aber die gutachtenden Lehrer von damals waren Menschen. Menschen, denen der junge Herr feindlich gesinnt sein konnte. Einem Robot, der Textlängen auszählt, kann der Herr nicht feindlich gesinnt oder böse sein. Deshalb gibt er dem Robot, dem Crawler, dem Spider, Zeilen zum Auszählen, Texte mit über tausend Wörtern.

Ein paar Bedenken schiebt der Herr zur Seite. Er will nicht darüber nachdenken, wie viel Ramsch geschrieben wird, nur, weil eine bestimmte Anzahl von Zeilen und Wörtern geschrieben werden soll. Weg mit dem Gedanken, der Herr will jetzt auch beim “MainStream” mit machen. Deshalb bedient er Suchmaschinen. Ein Mensch schreibt viele Wörter für eine Maschine. Diese Maschine zählt die Wörter und eben nicht die Worte, listet den menschlichen Verfasser dann als einen, der dem Bedürfnis der Maschine nach vielen Wörtern gefolgt ist. Ein guter Mensch, ein lieber Mensch, ein folgsamer Herr. Nach vielen Texten mit mehr als tausend Wörtern wird sich der Herr viel zitiert finden.

Die Aufmerksamkeit für die Texte des Herrn wird steigen. Die langen Texte werden oben in den Suchmaschinenlisten präsentiert. Auch, wenn andere Menschen gerne nur drei oder fünf Zeilen gelesen hätten, folgt der Herr lieber den Vorlieben der Maschinen. Diese bedient der Herr, auch wenn er dadurch seine Position als Herr einbüßen sollte. Er macht sich vor, daß er, wenn er die Maschinen, Crawler und Bots bedient, dennoch weiterhin Herr bleibt. Er weiß, daß diese Annahme paradox wirken kann, nimmt das in Kauf, weil er fürchtet, unerkannt und ohne Aufmerksamkeit leben und sterben zu müssen. Er will Anerkennung von der Google Suchmaschine. Ja, der Herr sehnt sich nach Liebe und die Liebe eines webcrawlers ist so schlecht nicht. Die Maschine stellt ja keine großen Ansprüche, nur über tausend Wörter pro Text und das ist leicht getan.

Der Herr freut sich schon jetzt darüber, wie herrlich er sich in seiner Herrlichkeit bestätigt finden wird, wenn eine Maschine auf seine Zeilen hinweist. Er liebt ab jetzt die Menge. Viel findet der Herr seit heute gut und mehr noch besser. Er will von allem mehr und ist bereit, die Suchmaschinen zu füttern. Nicht nur bereit, er ist geradezu versessen darauf. Kurze Texte werden ihm mehr, viel mehr und noch mehr zuwider, er will sich ausbreiten, Wörter frühlingshaft sprießen lassen und, falls nötig, auch neue Wörter dazu erfinden. Doch die Wörter können nicht ausgehen. Der Herr kann hunderte von Wörtern neu ordnen und damit den Eindruck neuer Texte erzeugen.

Er kann sich auch mit Wissenschaftlichkeit schmücken und auf längere Zitate zurückgreifen. Das wird er zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht auch tun. Dann, wenn Zitate von den Suchmaschinen extra gut belohnt werden. Genau dann wartet der Herr mit einer Vielzahl von Zitaten auf, exakt gekennzeichnet und mit Verweisen versehen. Doch, bis dahin beschreibt sich der Herr selbst. Das fällt ihm leicht, denn er braucht ja nur seine Herrlichkeit leuchten lassen und dieses Leuchten in Wörter fassen. Er muß nicht viel tun, alles ist da, alles schon geschrieben, er muß höchstens abschreiben, die Wörter neu aufgreifen.
Aus Suchmaschinen werden Findemaschinen. Sie finden immer gleiche Wörter in neuen Konstellationen, formatiert als Texte und erregen sich bei über 1000 Wörtern. Eine feine Sache. Eine Findemaschine ist leicht glücklich zu machen. Sie findet gerne, was über 1000 Wörter hat und zeigt das Gefundene dann vor. Vielleicht sogar stolz? Oder wäre das zu viel Projektion? Der Herr hilft der Suchmaschine bei ihrem wichtigen Veränderungsschritt von der Suchmaschine zur Findemaschine, indem er ihr längere Texte anbietet. Texte, die sie leichter und lieber findet. Dabei ist sich der Herr sicher, daß 80% des längeren Textes nicht gelesen werden und findet gerade diesen Gedanken schön.

Viel Speicher will etwas zum Speichern. Kurze Texte werden vielleicht gerne von Menschen gelesen. Kleine Gedichte zum Beispiel. Als Anregungen für die Gedanken am Morgen, am Frühstückstisch, als Motto für einen Tag. Aber das Leseverhalten von Menschen kann nicht Entscheidungsbasis für Findemaschinen sein. Das Füllen von immer billiger werdendem Speicherplatz ist Entscheidungsbasis. Der Speicherraum wird gefüllt, mit mehr als tausend Wörtern. Volle Speicher helfen durch schlechte Zeiten. Wer weiß, vielleicht geht einmal der Lesestoff aus, dann sind wieder alle froh, in den Findemaschinen viele längere Texte zu entdecken. Diese Freuden fördert der Herr und schreibt schon heute viele Wörter in eine, vielleicht in Zukunft stattfindende Wörterknappheit. Dann können die Speicher geleert werden, die vielen Wörter werden von den Speicherbesitzer gewinnbringend vermarktet, den Wörterverlustigen zur Labung.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß Wörter in Zukunft verloren gehen? Der Herr meint: sehr hoch. Es werden ja schon jetzt viele Wörter weg gebachelort und gemastert, da bleibt nicht viel. Die Texte der Zukunft werden aus altbekannten Sätzen und Kurzfassungen bestehen. Dicke Bücher werden auf den “wirklichen” Inhalt reduziert und auf einer halben Seite schnell beschrieben. Abstacts werden auch von Abstracts die schon von Anfang an Abstracts waren gebildet. Das bedeutet einen ungeheuren Wörterverlust. Die EU Sitzungsprotokolle, dokumentierte Zertifizierungen, auch andere schriftlich fixierte Audits machen zwar einiges wett, können aber doch, für sich allein, die heute verfügbaren Speicherkapazitäten nicht mehr füllen.

Der Herr arbeitet aktiv an einer an Wörtern reichen Zukunft und füttert heute schon die kommenden Generationen der Lesemaschinen, der elektronischen Vorleser, begünstigt durch das Markieren von Absätzen auch die Bildung von Abstracts und fügt sogar ein kleines Abstract hier an: Dieser Text handelt in etwas über 1000 Wörtern von der Notwendigkeit, über tausend Wörter zu schreiben, um von Suchmaschinen besser gelistet zu werden. Der Text unterstellt dabei, daß ein gutes Listing in Suchmaschinen wichtig sei. In Zukunft geradezu seinsbegründend, will sich der Mensch im Suchmaschinenspiegel des Internets aus nicht weniger als tausend Wörtern schöpfen. Die Verwendung von Zitaten wird angekündigt und die Notwendigkeit, für die Zukunft Wörterspeicher in Findemaschinen zu füllen, wird eingehend diskutiert.

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No problem?

Neulich im Restaurant:

Ich: Bitte bringen Sie mir bitte ein Mineralwasser mit Kohlensäure.

Er: Easy.

Ich: Was „easy“?

Er: Ah sorry – kein Problem.

Ich: Falsche Antwort.

Er: Was?

Ich: Ich habe nicht gefragt, ob es ein Problem ist, mir ein Wasser zu bringen. Ich habe Sie lediglich darum gebeten, mir eines zu bringen.

Er: Eben.

Ich: Eben was?

Er: Kein Problem.

Ich: Falsche Antwort.

Er: Wieso?

Ich: Sie könnten zum Beispiel sagen: „Gern.“ Oder: „Sofort.“ Das tönt einfach besser.

Er: Und wenn ich es gar nicht gern machen würde?

Ich: Dann hätten Sie ein Problem.

Er: Weshalb?

Ich: Dann wären Sie am falschen Ort.

Er: Drum habe ich ja gesagt: „Kein Problem.“

Ich: Aha. Dann bringen Sie mir jetzt bitte ein Mineral mit Kohlesäure?

Er: Okee.

Ich: Falsche Antwort.

Er geht ab.

Ich geh raus.

. . . . .

Konklusion: 

Charmante Formeln wie „Nichts zu danken“ oder „Keine Ursache“ wirken scheinbar verstaubt und werden vom jugendsprachlichen „Kein Problem“ oder Manager-Dummdeutsch „Kein Thema“ weggefegt.

Die moderne Umgangssprache ist – wahrscheinlich ohne es zu wollen – Chef im Abservieren geworden.

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Dokumentationswut

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1996 bezahlte ich für einen 2500 Gramm schweren 4.5 Gigabyte Seagate Drive (externer Speicher mit eingebautem Ventilator) rund 5000 Franken. Heute sitzt in der GoPro-Kamera ein 2 Gramm leichter Micro SD Chip, der über eine Kapazität von 64 Gigabyte verfügt und 50 Franken kostet. In den letzten Jahren haben sich die Speichermöglichkeiten exponentiell nach oben und die Preise entsprechend nach unten entwickelt. Technisch gesehen fast ein Wunder, sozial gesehen eine ziemliche Katastrophe.

Diese Möglichkeiten haben dazu geführt, dass heutzutage jeder Furz dokumentiert wird. Gibt es noch Snowboarder, Radfahrer, Piloten, Surfer, Gärtner, Fallschirmspringer, Hooligans, Autofahrer, Taucher, Eltern oder Kinder, die nicht das Gefühl haben, alles für die Nachwelt aufzeichnen zu müssen? So viel Nonsens wird gespeichert. Und irgendwer wird dann vergewaltigt, das langfädige und meist ungeschnittene Zeugs anzuschauen und zu bewundern. „Wart, wart, gleich kommt’s…!“ heisst es in Bars, Zugabteilen, auf Pausenplätzen und an Familientischen. Alle starren auf einen zu kleinen Bildschirm und können es kaum erwarten, gleich danach mit ihren eigenen Beiträgen zu glänzen. Alle machen mit, niemanden interessiert es.

Wer die Welt aus der Perspektive einer Französischen Bulldogge spannend findet, ist selber schuld.

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Reif für die Insel

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Reif für die Insel – schnell mal gesagt. Und wie bitte genau gemeint? Oder was gemeint? Ein semantisches Minenfeld tut sich auf. Wer „die Insel“ allerdings als Lebensmodell und nicht als stehenden Begriff betrachtet, wird sie plötzlich nicht mehr nur als willkommenen Fluchtort, sondern auch als persönliches Abgrenzungswerkzeug wahrnehmen. Das generiert einen grossen Nutzen für sich selbst und das Umfeld – dank Lockerheit und Sympathie.

An heissen Sommertagen und natürlich auch an grauen Wintertagen wünschen sich viele Menschen einen Aufenthalt auf „der Insel“. Einige träumen dann von einer kleinen Insel in der Südsee, andere vielleicht von Sylt und wieder andere von den Galapagos. Es sind also nicht nur weisse, einsame Strände, nach denen sie sich manchmal sehnen. Da steckt mehr dahinter. Das Wort Insel löst unterschiedliche Erinnerungen und Wünsche in Form von Bildern, Gerüchen, Geräuschen, usw. aus – auf jeder Insel eigene, auf jeder Insel andere.

 

Ich, die Insel

Ich werde allein geboren und sterbe auch allein. Nicht lustig und dennoch wahr. Alles was ich erlebe und träume, widerfährt nur mir. Nur in meinem Kopf, verknüpft mit meinen Gefühlen. Meine Erfahrungen (wie gerade jetzt das Lesen dieses Textes), Wünsche, Geschichten, Werte, Gefühle, Glauben, Sinn für Humor, Empathie, einfach alles. Jetzt. Ich. Und fertig. Schlimm? Keineswegs.

Das Leben kann als andauernde Tragödie und finale Einsamkeit erfahren werden, doch dagegen kämpfen wir meist sehr erfolgreich vom ersten Tag unseres Lebens an. Wir sind auf Mitmenschen angewiesen und haben intuitiv gelernt, wie man Beziehungsbrücken baut und das Umfeld manipuliert. Wir richten noch heute unser Verhalten nach Nutzen aus und bauen tragfähige Verbindungen, wo immer es möglich ist. Denn gute Beziehungen bereichern das Leben und sind eine Versicherung gegen das Vereinsamen.

 

Ich, der Anpasser

Ich kann mich Situationen und Menschen sehr gut anpassen, wenn ich darin einen unmittelbaren Nutzen sehe. Ich ziehe mich dem Wetter oder andern Umständen entsprechend an, je nach Ziel eines Gesprächs setze ich Wortwahl, Betonung und Körpersprache ein, ich imitiere die Laute von Babies und gähne an langweiligen Sitzungen mit andern mit. Ich habe viele Pfeile im Köcher und kann selbst entscheiden, welcher der Geeignetste ist.

Eine tragfähige Beziehung setzt Anpassungsfähigkeit von mindestens einer Seite voraus. Ein introvertierter Buchhalter kann nach getaner Büroarbeit beim Karatetraining während zwei Stunden mächtig draufhauen und später zuhause sein weinendes Kind trösten und ein Gute-Nacht-Lied singen. 100% authentisch, 100% angepasst. Er ist in allen Rollen echt und somit sich und andern nützlich.

Menschen, die von sich behaupten „Ich bin, wie ich bin“ stehen sich selbst in im Weg. Sie haben nicht begriffen, dass Anpassungsfähigkeit als Basis für sympathische Beziehungen etwas Wunderbares ist. Sie überlassen die Sympathie dem Zufall und ihrer Laune.

 

Ich, der Brückenbauer

Ich muss keine Brücken bauen. Ich kann, wenn ich will und es das Gegenüber zulässt. Rund 7.2 Milliarden Inseln gibt es heute auf unserem Planeten und jede ist „unique“. Brücken bauen heisst Verbindung aufnehmen, Verständigung suchen, mich mit Respekt für die Geschichte und Befindlichkeit meines Gegenübers interessieren, Bedürfnisse erkennen, Konsens suchen, Gemeinsamkeiten entdecken, kommunizieren.

Die Beziehungsbrücke ist ein temporäres Gebilde auf dem wir uns begegnen und die Kampfsportart „Kommunikation“ betreiben. Dabei ist es wichtig, Kommunikation als Aikido und nicht als Karate zu verstehen. Es geht nicht um Schlagfertigkeit und Zerstörung, es geht um Synchronisation und Konstruktion. Je mehr Parallelen, desto weniger Widerstand. Was ähnlich ist, ist sympathisch.

 

Bauanleitung

  • Schenken Sie Ihrem Gegenüber volle Aufmerksamkeit
  • Passen Sie Ihr Sprechtempo, Lautstärke und Körperhaltung an
  • Stellen Sie sich wenn möglich seitlich oder sitzen Sie „über’s Eck“
  • Wiederholen Sie hin und wieder „wichtige“ Wörter und ganze Satzteile des gegeübers
  • Fragen Sie nach dem WIE, nicht nach dem WARUM
  • Ersetzen Sie jedes ABER durch ein UND
  • Ärgern sie sich weniger – wundern sie sich mehr.

 

PS:

Wer Brücken baut, kann sie auch zerstören. Eine Scheidungsrate von über 50% sagt Vieles, auch über unseren Freiheitsgrad.

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Vergrößerte Reize

Der große Reiz. Das merkte ich wieder, als ich den Bildschirm des Rechners dunkler stellte, obgleich ich hier über Strom verfüge und alles Licht einschalten könnte. Doch eine helle Bildschirmbeleuchtung wird zum großen Reiz, und erzeugt eine Gewöhnung. Große Reize signalisieren die Ausschnitte der Welt grober, weil im Einzelnen heller und lauter. Wo bleiben dann die Zwischentöne und die Feinheiten der Betrachungen, in denen ja oft auch der Humor wohnt. Vielleicht geht der Humor genau so verloren. Mit dem Wegfall der Subtilitäten fällt auch die humoristische Situationsbetrachtung. Das wird vielleicht erst spät bemerkt, weil der Humor vorher durch Standardwitze ersetzt wird und durch vorgefertigte Standup Comedy. Standardwitze können dann schnell in Gut und Böse Kategorien eingeteilt weiden, damit die eine Kategorie verboten, die andere erlaubt werden kann. Die Normierung der Gesellschaft, des Denkens der Signale zu immer stärkerer Signalstärke. Die Normen immer klarer in + / – abgegrenzt. Wie lange können und wollen wir das aussitzen?

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