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Zuerst denken, dann reden

Gestern hörte ich im Auto einen Radiobeitrag zum Thema „Altersarmut“. Im Auto kann ich besonders gut hinhören. Neben dem ganzen Experten- und Politikgedöns kamen auch Hörerinnen und Hörern zu Wort. Ein besonders bemerkenswerten Beitrag brachte eine ältere Dame: „Man hätte in jungen Jahren eigentlich etwas zurücklegen müssen.“ Aha. Wer so redet, denkt vermutlich auch so. Und wer so denkt, handelt letztlich nicht.

Schauen wir und das mal an:

„Man“ gibt es nicht. Es wird so häufig verwendet, um das „Ich“ zu schützen. „Man“ versteckt sich hinter der Allgemeinheit und distanziert sich unnötig von sich selbst.

„hätte“ bewegt nichts. Es ist ein Blick in den Rückspiegel und beurteilt eine Situation aus Distanz. „Später ist man immer klüger“ heisst ein altes Sprichwort. Tatsache ist: Damals hat sie eben nichts gespart und das hatte zu der Zeit bestimmt berechtigte Gründe.

„in jungen Jahren“ ist unspezifisch. In welchem Alter ist sparen möglich?

„eigentlich“ heisst gar nichts. Das Wort „eigentlich“ führt zu Unklarheit, Interpretationsspielraum und zur Abgabe der Verantwortung.

„etwas“ ist ebenfalls unspezifisch. Wieviel ist denn genügend? Auch hier zieht sich die Dame wieder aus der Verantwortung.

„müssen“ muss gar nichts. Können ist in diesem Fall besser, weil es die Fähigkeiten beschreibt. Doch offensichtlich hatte sie die nicht.

Konklusion:

Wer einfach daher redet hat seine Denke nicht im Griff. Sie oder er gibt den aufmerksamen Zuhörern ein (vermutlich) ungewünschtes Bild ab. Das Bild eines hilflosen Opfers.

 

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Sprichwörter und Co.

Irgendwann in den letzten Jahren habe ich zum Geburtstag ein Buch erhalten: „Alter spielt keine Rolle – ausser man ist ein Rotwein.“ Mit 222 Sprüchen für Junggebliebene . Danke… aus Anstand. Dummerweise steht keine Widmung drin. Ich weiss also nicht, von wem ich es bekommen habe und begebe mich hiermit auf Glatteis, wenn ich oute, dass ich es säuerlich lächelnd und ungelesen ins Bücherregal gestellt habe. Bis ich heute – zufälligerweise – wieder darauf gestossen bin, es heraus gezogen und mir den Inhalt angeschaut habe. Rein zufällig, random-mässig, versteht sich. Irgendwo aufgeschlagen, Finger rein, und zack!

Mark Twain (1835-1910): „Ich bin ein alter Mann und habe viele Sorgen kennengelernt – aber die meisten von ihnen sind nie Wirklichkeit geworden.“ Danke… diesmal von Herzen! Ein perfekter Anti-Jammer-Satz! Ist es nicht so, dass Jammern in unseren Zukunfts-Szenarien zu viel Raum einnimmt? Was wissen wir denn schon im Voraus? Und weshalb verdienen negative Gedanken Nahrung? Nonsens.

„Cross the bridge when you get there“ ist eine lohnenswerte Einstellung. Keine Ahnung, wer das mal gesagt hat – die Person steht für mich jedenfalls auf gleicher Höhe wie Twain. Und der würde wahrscheinlich auch meinen: „Exactly – that’s what i meant.“

Learning:

Weisheiten, Erklärungen und Lebensrezepte finden sich überall. Es ist eine Frage der persönlichen Offenheit, auch Zufällen eine Chance zu geben.

 

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12. September – Der Anti-Jammer-Tag

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Heute gibt es allen Grund, nicht zu jammern: Mein Buch „Jammern gefährdet Ihre Gesundheit“ kommt in die Läden und wird, wenn elektronisch bestellt, heute ausgeliefert. Juhuuu – ich deklariere den 12. September zum „Anti-Jammer-Tag“! International, national, regional, lokal oder individual: Egal. Hauptsache, mal mindestens einen ganzen Tag lang bewusst nicht jammern. Das ist immerhin schon mal für Viele ein Anfang. Klar – es gibt bedeutendere Tage. Den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember oder den Valentinstag am 14. Februar und so. Doch was soll’s. Jetzt gibt’s vorsätzlich einen Zusätzlichen. Schliesslich sind wir alle hin und wieder mehr oder weniger gefährdet. Also los! Mit einer genügenden Portion Eigenverantwortung und ein bisschen Disziplin kann das 7-Tage-Entwöhnungsprogramm einiges bewirken. Die Beobachtungen, Anekdoten, Betrachtungen, Interpretationen, Literaturhinweise, Zitate, Verknüpfungen, Tipps, Anregungen und ein leicht schräger Test lassen sich locker lesen, sind verständlich und nachvollziehbar. Sie sollen anspornen, der inneren Motivation Nahrung geben und einfach mehr Auswahlmöglichkeiten bieten, das eigene Leben – wenn nötig – um zu gestalten.

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Verlierer-Rhetorik

FCZ

«Jetzt geht es um alles. Wir müssen noch einmal eine solche Leistung abrufen, das Spiel in die Hand nehmen und auf den Platz bringen. Und dann müssen wir hoffen, auf das Schicksal.»

Das sagte gestern der Trainer des zwölffachen Schweizer Meisters FC Zürich. Es geht um die Abwendung der Katastrophe: Der Abstieg in die Nationalliga B. Zum letzten Mal war dies vor 26 Jahren der Fall.

Schauen wir uns die Sätze von Uli Forte mal genauer an:

„Jetzt geht es um alles.“

Das ist in doppelter Hinsicht falsch: Nicht nur JETZT, sondern in jedem Meisterschafts-Spiel geht es um Punkte, die letztlich entscheidend sind. Das JETZT ist in der momentanen Situation besonders kontraproduktiv. Es fokussiert auf die Krise und erhöht die Nervosität.

Und es geht nicht um ALLES. ALLES ist eine Generalisierung. Die Aussage geht über den Bezugsrahmen hinaus. Der Situation werden weitere, allgemeine Eigenschaften zugeschrieben und damit wird der Druck unnötig erhöht.

 

„Wir müssen noch einmal eine solche Leistung abrufen.“

Wir MÜSSEN gar nichts. MÜSSEN zwingt höchstens. WOLLEN ist besser und KÖNNEN noch besser. „Wir können noch einmal eine solche Leistung abrufen“ entspringt einem anderen Mindset. Es strahlt eher Zuversicht als Verzweiflung aus.

 

„… das Spiel in die Hand nehmen…“

Wie wär’s mit den Füssen?

 

„… und auf den Platz bringen.“

Wohin den sonst? In die Garderobe vielleicht?

 

„Und dan müssen wir hoffen…“

Hoffnung ist Vertrauen ohne Alternative.

 

„… auf das Schicksal.“

Amen.

 

Ein altes Sprichwort (widersprüchliche Quellenangaben) sagt:

„Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Handlungen.“

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Wie wissen wir, dass wir glücklich sind?

Wenn wir im sogenannten Flow (s. Warwitz und Csiksentmihaly) sind. Etwa so, wie spielende Kinder es sind. Wenn wir in unserer Rolle aufgehen, die Zeit vergessen und Handeln und Bewusstsein verschmelzen, wenn wir unseren Anforderungen angenehm gewachsen sind und Lob für unser Tun erhalten. Wenn extrinsische Motivation kein Thema mehr ist, weil Aufgabe und Lösungskompetenz sich im Gleichgewicht befinden und wenn wir das sind, was wir spielen, weil wir keine Sinnfragen zu beantworten haben.

Genau diesen Zustand habe ich erlebt, als ich vor vielen Jahren für meine damals 2-jährige Tochter einen Stall baute. Ein Puppenhaus für Kühe und Hühner. Mit Heissleimpistolen, Laubsägen, Spanplatten, Kieselsteinen und Grasteppichresten umgeben, bastelte ich jeweils bis in die tiefe Nacht hinein. Ohne Musik oder andere Ablenkung – nur ich, der Plan, das Material und die Freude. Kennen Sie dieses Gefühl? Stellen Sie sich vor, Ihre tägliche Arbeit so zu erleben. Würden Sie es noch Arbeit nennen? Wäre die Work-Life-Balance noch ein Thema für Sie? Das sind die Momente in denen wir das Richtige tun und unseren wahren Talenten Raum und Zeit geben. Wir tun es gern und deshalb so oft wie möglich. Und wer etwas oft tut, wird immer besser dabei. Positive Erfahrungen machen ausserdem sicher und Sicherheit gibt Selbstvertrauen.

Also: Los!

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Sommerabend am See

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Kurz nach Sonnenuntergang, nachdem die meisten Naturliebhaber den Heimweg angetreten haben, fahre ich guten Mutes mit dem flotten Velo meines Vaters zu meiner Lieblingsstelle am Türlersee, um vor der Nachtruhe noch eine Runde zu schwimmen. Perfekt – mein Plätzchen (3×1 Meter) ist frei, ich stelle mein Fahrrad hin und streife das T-Shirt ab. Die Badehose trage ich schon. Man denkt ja vor und nutzt diesen traumhaften Sommerabend möglichst effizient. Luft 26°, Wasser ebenso. Spoiled. Ich schwimme so 200 Meter gegen die Mitte des Sees. Eine Ruhe. Noch ein wenig Rückenlage und mit Blick zum leicht bewölkten Himmel mit den rosa Figuren das Glück spüren. Und wieder zurück. Easy. Kein Mensch. Das Badetuch habe ich vorsorglich (man denkt ja vor…) über der Querstange des Fahrrads bereit gelegt. Ich trockne mich ab und ziehe mich für die Heimfahrt um. Das heisst: Ich „möchte“ mich für die Heimfahrt umziehen.

Schon von Weitem höre ich ihre unsympathische, weil leicht hysterische, Stimme. Er, dürr und mittleren Alters, ist rund 30 Meter vor ihr an mir vorbei gegangen.

Sie: „Mathieu! Weshalb gehst du vorbei?“

Er: „Was?“

Sie: „Wir waren immer hier!“

Er: „Ah ja? Nein.“

Sie: „Doch, natürlich! Hier!“

Doch „hier“ stehe zur Zeit eben ich. Mit einem Fuß im warmen Schlamm wo es Spuren von Hunden, Menschen und Filp-Flops hat, mit dem andern etwa 40 cm erhöht, also unbequem, am steinigen Ufer. Das Badetuch locker um die Hüfte geschwungen und recht lächerlich wirkend, weil versuchend, mit spastischen Bewegungen die nasse Shorts von den dreckigen Füßen zu schütteln. Ein ungeeigneter Moment um so einen auf nette Vorstellungsrunde und: „Klar, kommt nur, es hat Platz, der See gehört allen!“, dabei meinend: „Shit, haut bloss ab, das ist zur Zeit mein Strändchen, hier schwimme ich.“ zu machen.

Sie gehen weiter. Universum sei Dank.

Nachdem ich zweimal draufgestanden bin grabe ich meine Badehose aus der lehmigen Pfütze, mache trotz allen Umständen ein freundlichem Gesicht und dann ein Selfie für meine Frau, bzw. für mich.

See

Sie kommen zurück. Verdammt. In der einen Hand das Handy und in der andern das schmutzig triefende Stück Wäsche versuche ich, sie zu ignorieren. Meine Unterhose liegt auf der andern Seite des Fahrrads auf dem feuchten Waldboden. Ich will nicht reden.

Sie: „Wir können ja die Sachen hier (Anmerkung: Rund 10 Meter entfernt, vermutlich der genetische Sicherheitsabstand) deponieren.“

Deponieren – super Wort. Wie im Militär. „Deponiert das Gepäck und die Waffen auf einer Linie! Marsch!“ Unschöne Bilder. Sie macht es vor, Mathieu folgt. Sie „deponieren“ ihre Habseligkeiten gut getarnt hinter einem Baum, denn man weiss ja nie… Ich überlege mir, ob ich vertrauenswürdig aussehe. Oder eher wie jemand, der Vollkornriegel und lauwarmes Rivella blau klaut? Was soll’s.

Sie kommt verkrampft lächelnd auf mich zu. Das Badekleid aus den Eighties, vermutlich vom Ackermann-Versand.

Sie: „Sind Sie fertig?“

Fertig? Fertig?! Wenn die wüsste, wie fertig ich wirklich bin.

Ich: „Ja, schön war’s. Sehr angenehm.“

Sie: „Ja, nicht wahr?“

Ich: „Doch, war.“

Sie lächelt schon wieder so blöd (als hätte sie einen Backenkrampf) und geht mit angewinkelten Armen zaghaft ins Wasser.

Sie: „Ha, so schön, so warm, da braucht man sich nicht mal zu benetzen!“

Hrrrgggghhhh…bitte…!  Sie schwimmt endlich von dannen und verschwindet hinter dem Schilfgürtel. Durch den Fahrrad-Rahmen fische ich die Unterwäsche vom Boden und ziehe sie rasch an – fast ohne noch mit den Dreckfüssen alle Rändern zu berühren.

Mathieu kommt heran gewackelt. Im Gegensatz zu seinem Gesicht war ihres wie das eines entspannten Engels. Mathieu leidet extrem. Seine feuchten Füsse kennen das Leben bestimmt seit mehr 30 Jahren nur in gut eingetragenen Baumwollsocken und Schuhen, die dank praktischen Gummisohlen schön schützen und abfedern.

Er ächzt: „Allo!“

Ich: „Hallo.“

Fertig Dialog. Passt schon. Er stirbt ja fast, der Arme. Du meine Güte – was findet eine Frau an einem solchen Typen? Sieht ja nicht mal nach sozialer Absicherung aus, der Hungerhaken. Hoffentlich kriegen die nie Kinder. Haben die überhaupt Sex? Unschöne Vorstellung.

Er hat die Tortour überstanden und schwimmt auf sie zu. Er sieht aus wie ein Stück Treibholz.

Sie: „Mathieu! Sooo herrlich! Und so ruhig! Ich möchte im Sommer einmal nach Schweden.“

Er: „Warum?“

Sie: „Hmm – einfach so.“

Ich glaube, Mathieu versteht gar kein Deutsch. Oder die Frau nicht. Oder überhaupt nichts.

Ich jammere nicht. Ich radle dankbar nach Hause. Befreit und bereichert.

 

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